Große oder kleine Fassung? Ein Beispiel.

Um die Schwierigkeiten in der theatralischen Umsetzung des Romans, im Zusammenhang mit der Frage „Kleine oder große Fassung“ zu verdeutlichen, ein Blick auf den Anfang des Stücks.
Ausgangspunkt und -überlegung der Anfangsszene der „verlorenen Bibliothek“ sind folgende Aspekte:
* Walter Mehring über das Besondere der Zeit in Wien. Er schreibt „Gewohnt habe ich zum letzten Male wohl in Wien, bevor es stürzte. Denn dort hatte ich noch alle Bücher um mich, aus meines Vaters Bibliothek, und konnte mich zu Hause fühlen.“ (Die verlorene Bibliothek, S. 17)
* Mehrings Gleichsetzung der Bücherkisten mit der Kiste der Pandora: „Ausgeleert, Kiste um Kiste – Pandorabüchse des Nach-Denkers Epimetheus (mit dem trüben Bodensatz des Hoffnung) – spukte ihr Inhalt auf den abgeschrubbten Dielen, dem ungemachten Hotelbett, dem rußigen Fensterbrett in der Lesegruft meines Wiener Voruntersuchungsexils.“ (Die verlorene Bibliothek, S. 189)
* Die Tatsache, daß der Roman auf einer New England Farm in den USA geschrieben wurde und ein Erinnerungsbuch ist.
* Wien muß als Spielort für einen Teil des Stücks etabliert werden.
* Der Zuschauer soll erfahren, daß Walter Mehring auf der Flucht ist
* Eine athmosphärisch dichte Szene schaffen, die Spannung vermittelt und neugierig macht auf das, was kommt.

Diese unterschiedlichen Momente fügten sich bei mir, schon fast automatisch, zur folgenden ersten Szene:

Szene 1: Kein Anfang
OFF: Schreibmaschinengeklapper.
MERIN (STIMME): (off) Gewohnt habe ich zum letzten Male wohl in Wien, bevor es stürzte.
Nacht. Merin schläft in einem abgewetzten Sessel.
MERINS MUTTER: (off) Gestern hatten wir noch spät abends Besuch, der sehr ungehalten war, Dich nicht anzutreffen. Es ging recht ausgelassen zu, so daß wir heute früh uns sehr plagen mußten, um die Scherben und die Möbelfetzen und die Bibliothek Deines Vaters wieder zusammenzuräumen.
Morgendämmerung. Klopfen an der Tür.
WIRT: Herr Merin! Herr Merin, hier saan a poar Kisten für eena. Herr Merin, saans do?
Der Wirt öffnet.
WIRT: Da saan …
Möbelpacker – es sind die vier Seuchen der Kiste der Pandora: Arbeit, Krankheit, Leiden, Tod – bringen Kisten auf die Bühne.
MP 1 (ARBEIT): Wo solln mir die Kisten hinstelln?
MERIN (STIMME): (off) Denn dort hatte ich noch alle Bücher um mich, und konnte mich zu Hause fühlen.
WIRT: Packens in a Ecken.
MP 4 (TOD): Was will das Männchen mit den ganzen Kisten.
MP 3 (LEIDEN): Er ist hungrig.
MP 4 (TOD): Er will Lebensmittel?
MP 2 (KRANKHEIT): Die kann i a gebrauchen, aber …
MP 1 (ARBEIT): Wir ham nicht a den ganzen Tag net Zeit.
MP 3 (LEIDEN): Brot wird net da herinnen sein.
MP 4 (TOD): Was soll sich so einer sonst schicken lassen.
MERIN (STIMME): (off) Wie oft seitdem das Landschaftsbild im Fensterrahmen gewechselt hat – und ein paar Mal war es vergittert -, vermag ich mir nicht mehr zu vergegenwärtigen.
MP 4 (TOD): 30 Kisten Lebensmittel?
MP 2 (KRANKHEIT): Hast oane bessere Erklärung?
MP 4 (TOD): Aber …
MP 3 (LEIDEN): Die tschechoslowakische Gesandtschaft in Berlin wird kaum Würste und Brot schicken.
MP 1 (ARBEIT): Was weißt du denn von den Gesandten? Bücher werdens wohl nicht sein.
Merin wacht auf.
MP 4 (TOD): Für Steine sind die Kisten nicht schwer genug.
MP 3 (KRANKHEIT): Das war die letzte, der Herr.
Möbelpacker ab. Der Wirt schließt ab. Aus dem Dunkel der Bühne schälen sich hohe Bücherregale. Sie sind zum Teil mit Büchern bestückt.
SIGMAR: (off) All die Bücher werden Dir einmal gehören, wenn ich tot bin.
Merin beginnt die Kisten zu entpacken. Er legt die Schulbücher und Märchen, die zuoberst lagen, beiseite.
MERIN: Unverfänglich die Geschichten der Feen und Riesen, die sprechenden Alltagsgegenstände Andersens und die Sammlungen der Grimms. Am deutschen Märchen soll die Welt genesen. Wenn die wüßten, aus welchen finsteren Ecken ihre erbaulichen Geschichten entkrochen sind. So erretten die Ausgeburten der Hölle die Literatur vor den Flammen des Infornos.
Merin entnimmt der Kiste einige Bibeln.
MERIN: Die Bibeln, hebräisch, griechisch und in klobiger Schnörkelschrift standen im Mittelschrank.
Merin räumt die Bibeln aus dem Karton ins Regal.
MERIN: Mühselig, das Landschaftsbild der Bibliothek aus Erinnerungstrümmern meiner Kindertage zu rekonstruieren. Wo waren die verschrobenen Giebel der Gruselmärchen? Wo die aufragenden Massive der Weltweisheit? Es gab Gletscher toter Sprachen und den ewigen Schnee frostiger Wahrheiten, doch wo?

In der kleinen Fassung werde ich keine Möbelpacker, keinen Wirt zur Verfügung haben. Die Kompensation der fehlenden Darsteller durch mehr Technik macht keinen Sinn, denn dann wäre das Stück nicht mit wenig Aufwand auf die Bühne zu bringen. Die Stimmen aus dem Off können bleiben, eine Toneinspielung ist in der Regel unproblematisch. Dennoch ergibt sich die Aufgabe, einen Teil der Ausgangspunkte und -überlegungen in den Dialog zu integrieren. Aber das ist die Arbeit für die nächsten Tage.

Ein Dialog – und wo ist die Spannung?

Die Ideen zur Umsetzung auf der Bühne kreisten von Beginn an um zwei gegensätzliche Variante: eine große und eine kleine.
Einschränkend muß vermerkt werden: am Anfang, dieser währte fast 12 Monate, gab es nur die große Fassung. Die kleine entstand aus der Not. Welches Theater bietet für die Inszenierung eines Buches, das kaum einer kennt, das ganze Ensemble, mindestens 20 Personen sind nötig, und jede auch nur mögliche Technik, von der Eismaschine, dem künstlichen Schnee über zwei riesige Windmaschinen bis zu Film und Wachsfiguren etc., auf?
Die große Lösung verhieß Theaterspektakel und nochmal Theaterspektakel. Sie entstand beim Lesen zwangsläufig. Es war, wie mit offenen Augen träumen. Ich sah die Bilder greifbar vor mir, die Bühne, die Darsteller, hörte Dialoge, spürte die Stimmungen dort oben, auf der Bühne. Dabei war es kein Suchen nach besonders spektakulären Regieideen, der Roman selbst erzeugte diese Bilder
Walter Mehring spricht von der Eiswüste, die Europa bedeckt und von der Bibliothek, die unter dem Ansturm der marschierenden Unmenschlichkeit zusammenbricht. Ich sah die Bücherregale mit all den Büchern zusammenkrachen, sah, wie die Bücher über die Bühne purzelten und gleichzeitig ein eisiger Sturm losbrach, der alles mit einer weißen Schneeschicht zudeckte und am Rande der Spielfläche patrouillierten SS-Männer, denen Walter Mehring mit seinem kleinen, abgenutzten Koffer nur knapp entkommt?
Gefangen von diesem Bild, träumte ich weiter: Wäre es nicht faszinierend, wenn die Autoren, mit denen Sigmar (der Vater) und Walter argumentieren, plötzlich in der Bibliothek auftauchen und sich in die Diskussion mischen? Walter und Sigmar würden nicht mehr über Balzac und Zola und den industriellen Roman des XIX. Jahrhunderts reden, sondern mit ihnen. Der industrielle Roman selbst würde zum Bild der Schreiberlinge, die wie in einer Fabrik Romane am ›Fließband fertigen.
Das wäre das große, das ›ganz große Kino‘. Doch wahrscheinlich würden die Theater den Aufwand scheuen und nach weniger kostenintensiven Stücken suchen. Um die Chance der Aufführung zu erhalten, braucht »Die verlorene Bibliothek« also eine kleine Fassung, die eher zu realisieren ist. Aus dieser Überlegung heraus entsteht nun auch die Version ‚Dialog zwischen Vater und Sohn‘. Und jene bringt mich zur Eingangsfrage: Wo ist die Spannung? Kann ein Streitgespräch, eine Auseinandersetzung über Bücher und deren Inhalte, über Philosophen und ihre Ideen, über die Bedeutung der Aufklärung für den Faschismus wirklich so spannend sein, daß im Theater die Zuschauer nicht in der Pause nach Hause gehen, sondern nach zwei Stunden applaudieren? Was macht einen Disput über 120 Minuten interessant? Ausgehend von der Tatsache, daß der Zuschauer vorher nicht weiß, worüber geredet wird. Berücksichtigend, daß das Publikum durchschnittlich gebildet ist, was keine Kritik am Publikum ist, sondern die Besonderheit des Romans betrifft. Wer das Buch in der Hand hat, kann nachschlagen, wenn er einen Autoren oder einen Begriff nicht kennt. In der 15. Reihe im Theater wird es schwierig. Da ist der Griff zum Smartphone fatal, denn das Suchen führt zu einer Lücke in der Aufmerksamkeit, und schon geht der Zuschauer in der Pause, weil er den Faden verloren hat. Natürlich ist es die Aufgabe des Autoren diese Momente ›des Nichtverstehens‹ zu vermeiden, den Zuschauer auf die Reise mitzunehmen und ihm nicht das Gefühl zu geben, er sei zu dumm oder ungebildet, um die Geschichte, die auf der Bühne erzählt wird, zu verstehen. Doch Erklärungen sind nicht immer spannend. Und da bin ich schon wieder bei der Frage: Wo sind die Spannungsmomente im Dialog zwischen Vater und Sohn?

Interview mit Walter Mehring zu seinem Buch „Die verlorene Bibliothek“

1955 führte Hans Henjres für Radio Bremen ein Interview mit Walter Mehring zu seiner „verlorenen Bibliothek“. Unter dem Titel „Das Unbestechliche des Gefühls – ein Interview mit Walter Mehring“ ist es glücklicherweise im Archiv des Senders online abrufbar. Es dauert leider nur 10:01 Minuten, aber es sind spannende, aufregende Minuten.

Für Hans Henjres ist „Die verlorene Bibliothek“, zuerst 1951 in New York auf Englisch erschienen, „das interessanteste Dokument der vergangenen beiden oder drei Jahrzehnte. Es ist der Versuch etwas Verlorenes dadurch wiederzugewinnen, daß man es im Geiste beschwört und bezeichnet, also in der Bedeutung des Wortes tatsächlich ‚ein Zauber, ein Wunder, eine Beschwörung‘.“

Auf die Frage „Warum mußten Sie es schreiben?“ antwortete Walter Mehring: „Ich habe einen Verlust gehabt. Der Verlust war der Verlust meines Vaters, der Verlust einer Bibliothek, die von meinem Urgroßvater, Großvater, meinem Vater zunächst zusammengestellt war. Es war der Verlust meiner Erbschaft. Was kann ich aus einem Verlust positiv machen, was kann ich daraus machen, daß ich sage, es ich nicht mehr vorhanden, ich habe es verloren. Statt das negativ auszudrücken, wollte ich es postiv ausdrücken. Nun also hast du nicht mehr die Bücher, wenn du aber die Bücher begriffen hast, dann müssen sie in dir sein, und du mußt sie ja verarbeitet haben. Also, mach aus dem Verlust einen Gewinn.“

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Ein Anfang?

Seit nunmehr fast einem Jahr arbeite ich an der Dramatisierung des Romans „Die verlorene Bibliothek“ von Walter Mehring. Nach endlos erscheinenden Vorarbeiten, wie Lesen und hunderte kleine Karteikarten mit Notizen zu füllen, stellt sich nun plötzlich die Frage: Warum?
Sie hat sich auch vor Beginn des Vorhabens gestellt, ich werde eine Antwort gefunden gehabt haben, allein plötzlich will sie erneut beantwortet werden. Warum dramatisiere ich „Die verlorene Bibliothek“.
Warum will ich einen Roman auf die Bühne bringen, der leider kaum gelesen wird und sich vordergründig nur mit Literatur beschäftigt? Der Roman ist großartig und Walter Mehrings bestes Buch, aber reicht das? Warum noch ein Buch ins Theater? Warum nicht stattdessen ein Stück, das für die Bühne konzipiert und geschrieben? Warum stellt sich diese Frage nach einem Jahr Vorarbeit?
Der Roman fasziniert mich, seit ich ihn das erste Mal in der Hand hielt und ihn nach dem ersten Lesen zuklappte und wieder ins Regal stellte. Was für ein Buch. Die Auseinandersetzung mit der ‚Erfolglosigkeit‘ der europäischen Kultur- und Geistesgeschichte hinsichtlich des Erstarken des Faschismus und seiner furchtbaren Folgen war, nein, ist ein Parforce Ritt durch die Literatur. Jede Seite erzeugte neue Lesewünsche, jede Seite führte zu Diskussionen über das Beschriebene.
Nachdem ich Walter Mehrings „Müller. Chronik einer Sippe“ zum Theaterstück gemacht hatte, die Geschichte der obrigkeitsliebenden Deutschen seit Anbeginn aller Stammbäume (zumindest der deutschen Müllers) ist wie für die Bühne gemacht und vielleicht findet jener Roman Mehrings so die Leser, die er verdient und bisher als Buch nicht gefunden hat, zog es mich magisch zur „Verlorenen Bibliothek“. Mehr lesen