Bildersturm – Die Futuristen

In „Die verlorene Bibliothek“ beschreibt Walter Mehring einen katalysatorischen Moment in seinem Leben, der in der Auseinandersetzung mit der Geisteswelt seines Vaters von nicht zu unterschätzender Bedeutung ist. Er schildert diesen Moment folgendermaßen:
„Und so, schon aus Widerspruch gegen die Autorität meines Vaters und seiner ganzen Bibliothek, geriet ich außer mir, als ich auf meinem Schulweg ein Flugblatt in die Hand bekam, das die italienischen Futuristi zur Eröffnung ihrer ersten ‚Berliner Kollektivschau‘ 1911 (in Herwarth Waldens ‚Sturm‘-Salon) am Straßenrand verteilten:
Zerstört die Museen!
Brennt die Bibliotheken nieder!
In zwei Hinterzimmern eines bürgerlichen Mietshauses, in die ich mich hineinstahl wie in ein Bordell, standen sich die Entarteten und die noch gemäßigten „Sezessionisten“ und „Brückenleute“ wutschnaubend gegenüber und die rein formale Kontroverse artete in eine reele Keilerei aus, …“ (Walter Mehring, Die verlorene Bibliothek, 142 f.)
Um zu verstehen, erst einmal für mich als Leser, dann für die Umsetzung und nicht zu letzt für den Zuschauer, begab ich mich auf die Suche nach den Bildern der Ausstellung und stolperte als erstes über eine ‚Ungenauigkeit‘, eine ‚literarische Freiheit‘ Mehrings. Alle Recherchen zu besagter Ausstellung ergaben ein anderes Datum. Demnach fand die Futuristenausstellung nicht 1911, sondern erst am 12. April 1912 statt. Sich in der Erinnerung um 1 Jahr zu vertun passiert schnell und ist meist unwesentlich, allerdings stellt sich hier schon die Frage: Konnte Mehring die Angabe des Jahres nicht verifizieren oder hat er bewußt, aus dramaturgischen Aspekten die Ausstellung um ein Jahr vorverlegt – oder stimmen die Angaben im Internet nicht und es gab wirklich eine Ausstellung vor der Ausstellung und zwar 1911.

Mehr lesen

Szene „Das Leichentuch“ (großen Fassung)

Der Unterschied zwischen der kleinen und der großen Fassung liegt ja nicht nur in der Auseinandersetzung zwischen Vater und Sohn (Thema für einen späteren Beitrag), sondern eben auch in der Schaffung von Atmosphäre und dem Vermitteln der Umstände, unter denen die Auseinandersetzung mit der Welt des Vaters stattfindet sowie die räumliche und zeitliche Verortung: Wien und das sterbende Europa, und der Zeitpunkt der Erinnerung 1938 bis 1946.
Die Szene „Leichentuch“, aus der großen Fassung, die im letzten Viertel angesiedelt ist, soll die Stimmung verdeutlichen, in der Walter Mehring Wien und damit auch Europa verließ. Sie soll außerdem den Bogen zu den Exilanten z.B. in Paris schlagen, ihr Schicksal benennen und ebenfalls eine Verbindung zwischen Heine und Hauptmann herstellen. Heinrich Heine, der Deutschland den Rücken kehrte, dessen „Denk ich an Deutschland in der Nacht“ auch heute noch immer präsent ist und der von Sigmar, dem Vater Walter Mehrings, sehr verehrt wurde, ist der kritische Geist. Daneben steht Gerhart Hauptmann, der mit „Die Weber“ ein Revolutionsdrama schrieb, das lange nicht aufgeführt werden durfte, und dessen „Bravourleistung … hatte mein Vater stets ein bewunderndes Andenken bewahrt, auch dann noch, als sein Favorit ihn durch sein chauvinistisches Knittelverspuppenspiel „1813“ so entsetzte, daß er das Widmungsexemplar hinter Hauptmanns ‚Gesammelte Werke‘ versenkte.“. Walter Mehring schreibt weiter “ Doch mit den ‚Webern‘ hatte Hauptmann dem Theater der Deutschen das einzig aktuelle Revolutionsstück aus ihrer eigenen Vergangenheit beschert.“ (Die verlorene Bibliothek, S. 97). Gerhart Hauptmann war für Mehring ein Autor, der sich selbst untreu wurde und sich mit den neuen Machthabern arrangierte. Eben der Gegenpart zu Heine.

Mehr lesen