„Brennt die Bibliotheken nieder“ – Die Futuristen II

Kaum habe ich mich entschieden, die Futuristen und Walter Mehrings „geriet ich außer mir“ in einer bunten Szene umzusetzen, gerät der Entschluß ins Wanken. Sind die Futuristen für die Auseinandersetzung mit der Geisteswelt des Vaters so wichtig, wie sie in den ersten Überlegungen waren? Brauche ich die Szene „Die Futuristen als Vorboten des Faschismus“?
Also einen Schritt zurück und neu gedacht.
Warum war der Moment des Flugblattes und die Ausstellung, unabhängig von der Frage der historischen Authentizität: „Gab es das Flugblatt mit dem Hinweis auf die Ausstellung und fand sie zum angegebenen Zeitpunkt statt?“, immerhin ist das Buch ein Roman und kein Tatsachenbericht, auch wenn es sich im Untertitel ‚Autobiographie‘ nennt, von Bedeutung?
Gab es nicht immer wieder Augenblick wie diese, in denen Kunst sie revolutionierte? Waren nicht stets die Jungen unbequem und aufrührerisch? Die Naturalisten krempelten die Vorstellungen vom Verständnis der Wirklichkeit ebenso um, wie die Impressionisten später die Wahrnehmung der Natur.
Nun geht es bei der Frage um die Wichtigkeit dieses Augenblicks nicht um eine literatur- oder kunstgeschichtliche Beurteilung, sondern um die Bedeutung, die ihm Walter Mehring in seinem Roman zuschreibt.
Die Ausstellung ist ein Skandal. Es gibt eine „reelle Keilerei“ zwischen Künstlern, die die Polizei “ mit Brachialgewalt“ abbrach. Ein Ereignis, das so kaum nachvollziehbar ist. Selbst, wenn die Bilder von Schnürboden herabgelassen werden und im Scheinwerferlicht die Blicke anziehen, das Revolutionäre ist längst verblichen.
Verbleibt die Literatur und der Ausruf „Brennt die Bibliotheken nieder“.
„Schon aus Widerspruch gegen die Autorität meines Vaters und seiner ganzen Bibliothek“, schreibt Walter Mehring einleitend, bevor er die Ausstellung schildert und sich den Futuristen widmet.

Nach der Beschreibung der Ausstellung setzt die kritische Auseinandersetzung mit den Futuristen ein. „Er (Marinetti) pries sein futuristisches Unternehmen um Superlativ einer konkurrenzlosen Industriereklame und rüde wie eine extreme Wahlpropaganda an: ‚Zerbrecht die Syntax! Sabotiert das Adjektiv! Fort damit … mit allem! Nichts als das Verbum …‘, obwohl er damit bloß den Evangelisten Johannes und den Symbolisten Mallermé nachbetete.“ Einige Zeilen später heißt es dann „Schon bei seinem ersten Auftritt, fast um ein Jahrzehnt vorraus, hatte er auf den Plätzen Mailands, der ‚mechanisiertesten Stadt der Welt‘, den ganzen Parade-Klimbim der Diktatur: die römische Diktatorgeste, den Lorbeer um den kahl rasierten Schädel, die Megaphonstimme und die ‚Vernichtung des Individuums‘ vorweggeschwindelt:
»Man muß das Ich in der Literatur ausrotten!«
und das Rezept für den sterilisierten Massenmord:
»Der Krieg – einzige Hygiene der Welt.«
Welch wahrhaft futuristischen Heil-Rezept! Und doch, was für ein alter Text!“
Und Walter Mehring zieht Parallelen und benennt Trennendes, landet bei Baudelaire, Apollinaire und endlich bei Dada.
Er zeigt mit dem Futurismus Exkurs, wie Krieg, Vernichtung und Massenmord bereits Anfang des XX. Jahrhunderts in der Literatur ihren Niederschlag gefunden hatten; wie die kommenden Ereignisse – die ihn und viele andere Literaten, Maler etc. ins Exil trieben, sofern sie den Schlächtern des nationalsozialistischen Deutschlands entkommen konnten und nicht in den KZs gemordet wurden oder ‚auf der Flucht starben‘ – sich in den Büchern angekündigt hatten.
Das Flugblatt und die Ausstellung der Futuristen, „in zwei Hinterzimmern eines bürgerlichen Mietshauses, in die ich mich hineinstahl wie in ein Bordell“, sind somit für die Bühne nicht als „katalysatorischer Moment im Leben Walter Mehrings“ wichtig, sondern als die Vorschau auf kommende Ereignisse: Es werden Bücher auf die Scheiterhaufen geworfen und die Mehringsche Bibliothek kann nur zum Teil und über Umwege, und auch nur für kurze Zeit, gerettet werden.
30 Jahre nach dem Flugblatt auf dem Schulweg, wird der marktschreierische Ausruf der Futuristen bittere Wirklichkeit. Der Futurismus ist somit ein wichtiger Moment für »Die verlorene Bibliothek«. Er muß auf die Bühne.
Für die Umsetzung heißt dies, die Bilder sind ein nützliches optisches Beiwerk, aber der Kern ist „das Warenzeichen Fascismo“ und der literarische Bezug zu Vorläufern und Nachfolgern. Denn die Bibliothek war das Horoskop des XX. Jahrhunderts, in ihr war alles verzeichnet, was kommen sollte und in der Auseinandersetzung mit der Geisteswelt des Vaters galt es Walter Mehring nachzuweisen, daß der blinde Glaube in die Aufklärung und das Übersehen und -lesen der menschlichen Schattenseiten den Weg ins Verderben bereiteten.
In der kleinen Fassung gereicht ein Dialog über Marinetti, d’Annunzio und den Fascismo, um das ‚Visionäre‘ des Futurismus zu beleuchten, während in der großen Fassung Marinetti und d’Annunzio selbst auf die Tribüne steigen könnten, Lorbeer bekränzt, und während ihrer gebrüllten Ansprachen Flugblätter im Geräusch von Propellermaschinen auf das Publikum regnen würden.

Zum Nachlesen das Gründungsmanifest Filippo Tommaso Marinettis, das am 20. Februar 1909 im Le Figaro veröffentlicht wurde:

Gründungsmanifest
Wir wollen die Liebe zur Gefahr besingen, die Vertrautheit mit Energie und Verwegenheit.
Mut, Kühnheit und Auflehnung werden die Wesenselemente unserer Dichtung sein.
Bis heute hat die Literatur die gedankenschwere Unbeweglichkeit, die Ekstase und den Schlaf gepriesen. Wir wollen preisen die angriffslustige Bewegung, die fiebrige Schlaflosigkeit, den Laufschritt, den Salto mortale, die Ohrfeige und den Faustschlag.
Wir erklären, daß sich die Herrlichkeit der Welt um eine neue Schönheit bereichert hat: die Schönheit der Geschwindigkeit. Ein Rennwagen, dessen Karosserie große Rohre schmücken, die Schlangen mit explosivem Atem gleichen … ein aufheulendes Auto, das auf Kartätschen zu laufen scheint, ist schöner als die Nike von Samothrake.
Wir wollen den Mann besingen, der das Steuer hält, dessen Idealachse die Erde durchquert, die selbst auf ihrer Bahn dahinjagt.
Der Dichter muß sich glühend, glanzvoll und freigebig verschwenden, um die leidenschaftliche Inbrunst der Urelemente zu vermehren.
Schönheit gibt es nur noch im Kampf. Ein Werk ohne aggressiven Charakter kann kein Meisterwerk sein. Die Dichtung muß aufgefasst werden als ein heftiger Angriff auf die unbekannten Kräfte, um sie zu zwingen, sich vor den Menschen zu beugen.
Wir stehen auf dem äußersten Vorgebirge der Jahrhunderte! … Warum sollten wir zurückblicken, wenn wir die geheimnisvollen Tore des Unmöglichen aufbrechen wollen? Zeit und Raum sind gestern gestorben. Wir leben bereits im Absoluten, denn wir haben schon die ewige, allgegenwärtige Geschwindigkeit erschaffen.
Wir wollen den Krieg verherrlichen – diese einzige Hygiene der Welt – den Militarismus, den Patriotismus, die Vernichtungstat der Anarchisten, die schönen Ideen, für die man stirbt, und die Verachtung des Weibes.
Wir wollen die Museen, die Bibliotheken und die Akademien jeder Art zerstören und gegen den Moralismus, den Feminismus und jede Feigheit kämpfen, die auf Zweckmäßigkeit und Eigennutz beruht.
Wir werden die großen Menschenmengen besingen, welche die Arbeit, das Vergnügen oder der Aufruhr erregt; besingen werden wir die vielfarbige, vielstimmige Flut der Revolution in den modernen Hauptstädten; besingen werden wir die nächtliche, vibrierende Glut der Arsenale und Werften, die von grellen elektrischen Monden erleuchtet werden; die gefräßigen Bahnhöfe, die rauchende Schlangen verzehren; die Fabriken, die mit ihren sich hochwindenden Rauchfäden an den Wolken hängen; die Brücken, die wie gigantische Athleten Flüsse überspannen, die in der Sonne wie Messer aufblitzen; die abenteuersuchenden Dampfer, die den Horizont wittern; die breitbrüstigen Lokomotiven, die auf den Schienen wie riesige, mit Rohren gezäumte Stahlrosse einherstampfen und den gleitenden Flug der Flugzeuge, deren Propeller wie eine Fahne im Winde knattert und Beifall zu klatschen scheint wie eine begeisterte Menge …
(zitiert nach Wikipedia)

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