Der industrielle Roman oder Die Schreibmaschinen

„Und die Mode-Romanautoren führten Buch, doppelte Buchhaltung wie die königlichen Kaufleute, über die Beziehungen und die Geldheiraten, die sich in den Antichambres der Politik und Kuppelei, in den Garderoben der Opern-Ballettratten anknüpften; sie berechneten auf Heller und Pfennig, wie sich ihre Charaktere Equipagen, Maitressen und ein privates Gefühlsleben bezahlen konnten. Sie unterhielten Großbetriebe – bis zu einem Rekordertrag von 257 Bänden plus zwanzig verbretterten Romanen,den Alexandre Dumas pére erzielte.
Sie beschäftigten eine Belegschaft von Tintenkulis, »Nègres« und »Ghostwriters«, um laufend die Tagespresse mit Fortsetzungsromanen zu versorgen.“ (Mehring, Verlorene Bibliothek, S. 52)

Die Beschreibungen Mehrings zum industriellen Roman ließen augenblicklich eine lange, karge Fabrikhalle, in der klassischen Backsteinbauweise des 19. Jahrhunderts vor meinen Augen entstehen. In vier Reihen saßen die Schreiberlinge an kleinen Tischen hintereinander und hämmerten im Takt die neuesten Enthüllungen über die Pariser High Society in ihre Schreibmaschinen. Durch die Reihen schritt Balzac und diktierte simultan den Fortgang und die Ereignisse der unterschiedlichen Geschichten. Im fahlen gelben Licht, mit krummen Rücken hockten die ausgemergelten Gestalten. Die Akustik der Fabrikhalle verhallte leicht das Schlagen der Lettern auf dem Papier und die Schritte der diktierenden Schriftsteller, andere waren aus der Ferne der Halle in den Vordergrund marschiert, waren wie die Schläge des Trommlers auf der Galeere. Weiter, weiter, immer weiter.
Meine Neugier für das Optische trieb mich ins Internet und nach wenigen Minuten zerplatzte mein schönes Bild mit einem lauten Knall. Warum wurde die Schreibmaschine erst ab 1876 industriell in Serie gebaut. Erfunden wurde sie schon 1808 und stetig verbessert, aber die erste, auch in größeren Stückzahlen gefertige Schreibmaschine war die Schreibkugel des dänischen Pastors Rasmus Malling-Hansen im Jahr 1865. Mit dieser Schreibmaschine experimentierte auch Friedrich Nietzsche, aber ein flüssiges Schreiben, wie wir es aus dem 20. Jahrhundert kennen, war mit ihr wohl eher nicht möglich.

Skrivekugle Malling Hansen: Schreibkugel (Skrivekugle)1865
[„Skrivekugle“. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Skrivekugle.jpg#/media/File:Skrivekugle.jpg]

Diese Recherche, und die Nachricht von George Grosz an Hermann Borchardt „Mehring (hat) vor lauter Verzweiflung seine Schreibmaschine aus dem vierten Stock seines Pariser Hotels geworfen“ (Grosz, Briefe) brachten mich zur nächsten Frage: Womit schrieb Zola? Womit Balzac? Und Dumas der Ältere? Walter Mehring auf einer Schreibmaschine, aber was für eine?
Die Suche nach Schriftstellern und ihren Schreibmaschinen führte zu folgender, durchaus interessanten Liste: Writers and their Typewriters.

ABER: Womit schrieben Zola und Balzac? Letzterer mit Feder und Tinte. Und Zola? Versuchte er sich auch an einer Schreibmaschine? Angeblich lehnte er die Schreibmaschine ab. Aber vielleicht ist diese Frage nicht so wichtig. Immerhin ist das Thema ‚industrieller Roman‘? Wenn das Bild nicht stimmt, weil die historischen Gegebenheiten andere waren, welches Bild findet sich dann? Und welche Bedeutung hat der in der Auseinandersetzung Walters mit seinem Vater Sigmar?
„Die historische Wahrheit des XIX. Jahrhunderts, wie es leibte und lebte, steht in seinen Romanen, in seiner erschreckend abgründigen Autobiographie, die weit authentischer als jede Geschichtswissenschaft wie ein Tagebuch einen Kriminellen découviert (wenn man es später retrospektiv nachliest), als Indizienbeweis beim Prozeß der Gegenwart.“ (Die verlorene Bibliothek, S.50)
Die »Littérature industrielle« war der Fortsetzungsroman in wöchentlichen gesteigerten Dosen (Mehring), der sich journalistisch, investigativ und enthüllend gab. Somit würde er für die These Sigmars sprechen, daß alles geschrieben stand und man daraus hätte lernen können. Allein Sigmar Mehring konnte mit Balzac nicht viel anfangen. Er vermißte u.a. die Vererbungslehre, „so daß er, der sonst die Franzosen rückhaltlos verehrte, seine Anerkennung Balzac verweigerte.“ (VB 58) Und weiter schreibt Mehring: „Er unterschätzte das Format, die Machtfülle dieses Autors, obgleich doch kein anderer je zuvor und keiner danach ihm – bis heute nicht – einen so dichtbevölkerten Großstaat literarisch regierte, …“
Die Situation ist verworren: Der Vater las Zola, aber nicht Balzac. Beide hatten die menschlichen Abgründe im XIX. Jahrhundert beschrieben. Eindringlich, ausführlich und ausschweifend. Zola stand in der Bibliothek, Balzac eher nicht. Nun sind die menschlichen Abgründe des XIX. Jahrhunderts keine anderen, denn die des XX. Jahrhundert, oder aller anderen Jahrhunderte davor und danach. Der Verweis des Vaters auf die Bibliothek als ‚Wissenschatz‘ stimmen in sofern. Doch die Tatsache der Ablehnung Balzac und seiner Bücher auf Grund des Fehlens der Vererbungstheorie offenbart einen wichtigten Aspekt, jenen, der Anlaß für die Ausführungen Walter Mehrings sind: Der Vater vertraute einzig der Aufklärung und der Wissenschaft. Alles, was nicht in diese beiden Schubladen paßte, wurde abgelehnt. Mehr noch. Für Sigmar war die Aufklärung das Instrument, mit dem Mythen und Glaube, die Welt überhaupt, erklärt und verstehbar wurden. Und genau gegen diesen bedingungslosen Glauben an die Aufklärung argumentiert Walter.
Eine Szene aus der großen Fassung::
WALTER:  Hast du nie geargwohnt, was in deiner Bibliothek an Toxinen, an Keimträgern okkulter Epidemien verborgen war?
Der Vater ist tot. Auf dem Boden das Buch, das ihm im Tode aus der Hand rutschte. Walter hebt es auf. Es ist „Die Kritik der reinen Vernunft “ von Immanuel Kant.
WALTER: Die Kritik der reinen Vernunft.
SIGMAR: (off) Halte mich doch!
Walter legt das Buch auf den Tisch.
WALTER: Die reine Vernunft hat uns auch nicht vor den Schützengräben bewahrt.
SIGMAR: (off) All die Bücher werden Dir einmal gehören, wenn ich tot bin.
Walter setzt sich in den Sessel.
WALTER: Wir haben gelesen und dachten, wir wären gefeit. Aber, es war ein Irrglaube.
Auftritt Vater.
SIGMAR: Nur das Wort …
WALTER: … reicht, um die Welt in Brand zu setzen.
Flugblätter fallen vom Himmel. Auftritt von F.T. Marinetti mit römischer Diktatorengeste, Lorbeerkranz auf dem kahlrasierten Schädel.
MARINETTI: Man muß das Ich in der Literatur ausrotten. Der Krieg – einzige Hygiene der Welt.

Womit wir wieder bei den Futuristen wären. Aber zurück zur industriellen Literatur.
Das Bild mit der Fabrikhalle und den Schreibmaschinen ist eindrucksvoll und greift die Produktionsweise auf, auch wenn es Tintenkulis und keine Schreibmaschinen waren. Doch das Bild allein reicht nicht. Der Kern der Auseinandersetzung berührt den Glauben an die Aufklärung und „Die menschliche Komödie“ mit den Abgründen der menschlichen Natur und dem Aberglauben, das Wissenschaft nur durch seine bloße Existenz das Übel der Welt ausrottet. Um die Prophezeiungen des XIX. Jahrhunderts, die sich im XX: erfüllten, hätte man seinen Blick auch auf die Darstellung des Irrationalen (und ihrer Macht) werfen müssen.
In der großen Fassung bestreiten Balzac, Zola, Sigmar und Walter diese Auseinandersetzung. In der kleinen werden die beiden großen Franzosen nur im Geiste anwesend sein.

Zwei außerordentlich zu empfehlende Romane sind: Émile Zola, Die Eroberung von Plassans (franz. La conquête de Plassans) und Honoré Balzac, Verlorene Illusionen (frz. Illusions perdues)

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