Ein Anfang?

Seit nunmehr fast einem Jahr arbeite ich an der Dramatisierung des Romans „Die verlorene Bibliothek“ von Walter Mehring. Nach endlos erscheinenden Vorarbeiten, wie Lesen und hunderte kleine Karteikarten mit Notizen zu füllen, stellt sich nun plötzlich die Frage: Warum?
Sie hat sich auch vor Beginn des Vorhabens gestellt, ich werde eine Antwort gefunden gehabt haben, allein plötzlich will sie erneut beantwortet werden. Warum dramatisiere ich „Die verlorene Bibliothek“.
Warum will ich einen Roman auf die Bühne bringen, der leider kaum gelesen wird und sich vordergründig nur mit Literatur beschäftigt? Der Roman ist großartig und Walter Mehrings bestes Buch, aber reicht das? Warum noch ein Buch ins Theater? Warum nicht stattdessen ein Stück, das für die Bühne konzipiert und geschrieben? Warum stellt sich diese Frage nach einem Jahr Vorarbeit?
Der Roman fasziniert mich, seit ich ihn das erste Mal in der Hand hielt und ihn nach dem ersten Lesen zuklappte und wieder ins Regal stellte. Was für ein Buch. Die Auseinandersetzung mit der ‚Erfolglosigkeit‘ der europäischen Kultur- und Geistesgeschichte hinsichtlich des Erstarken des Faschismus und seiner furchtbaren Folgen war, nein, ist ein Parforce Ritt durch die Literatur. Jede Seite erzeugte neue Lesewünsche, jede Seite führte zu Diskussionen über das Beschriebene.
Nachdem ich Walter Mehrings „Müller. Chronik einer Sippe“ zum Theaterstück gemacht hatte, die Geschichte der obrigkeitsliebenden Deutschen seit Anbeginn aller Stammbäume (zumindest der deutschen Müllers) ist wie für die Bühne gemacht und vielleicht findet jener Roman Mehrings so die Leser, die er verdient und bisher als Buch nicht gefunden hat, zog es mich magisch zur „Verlorenen Bibliothek“. Mehr lesen