Die Biographie als Hindernis?

„Die verlorene Bibliothek“ heißt im Untertitel „Biographie einer Kultur“, doch der Roman ist mehr als nur die Biographie einer Kultur, er ist auch Biographie seines Autoren. Aber, wir sehr bestimmt dieser biographische Aspekt die Handlung, und viel mehr noch „Wie wahrheitsgetreu sind die eingewobenen biographischen Ereignisse?“, immerhin ist es ein Roman, auch wenn der Untertitel etwas anderes suggeriert.
Da die Bibliothek, die Walter Mehring in seinem Buch beschreibt, die verlorene Bibliothek der Familie ist, entsteht hier der erste biographische Moment. Die Auseinandersetzung über die Versäumnisse oder Vorhersagen dieser Bibliothek geschieht zwischen ihm und seinem Vater, womit der zweite biographische Moment fixiert ist. Der dritte Moment ist die eigene Fluchtgeschichte, die den roten Faden, die Folie des Buches liefert.
Aus diesem dreifach begründeten biographischen Charakter des Buches könnte man schließen, der Roman ist biographisch und damit auch in diesen Punkten wahrheitsgetreu.
Doch Walter Mehring ist ein Romancier. Er ist ein Satiriker mit geschliffenen Formulierungen; ein Lyriker, der an jeder Silbe feilt; ein Schriftsteller, der mit Sprache umgeht, wie kaum ein zweiter. Da gilt es keine voreiligen Schlüsse zu ziehen, sondern sehr genau zu prüfen und abzuwägen, bevor die Frage beantwortet werden kann, in wieweit das Biographische für die Dramatisierung von Bedeutung ist. Für die Namensgebung ergab sich die Wichtigkeit des Bezugs auf die historischen Persönlichkeiten Sigmar und Walter Mehring. Doch das Drama ist mehr als nur die Namen der Hauptakteure und die Diskussion über Kunst und Literatur. Schließlich bezieht sich die Auseinandersetzung, wie oben erwähnt, auch auf und entsteht durch das Erleben des Autoren Walter Mehring.
Wie stark und wahrheitsgetreu ist der biographische Aspekt in der „verlorenen Bibliothek“? Mehr lesen

Szene „Das Leichentuch“ (großen Fassung)

Der Unterschied zwischen der kleinen und der großen Fassung liegt ja nicht nur in der Auseinandersetzung zwischen Vater und Sohn (Thema für einen späteren Beitrag), sondern eben auch in der Schaffung von Atmosphäre und dem Vermitteln der Umstände, unter denen die Auseinandersetzung mit der Welt des Vaters stattfindet sowie die räumliche und zeitliche Verortung: Wien und das sterbende Europa, und der Zeitpunkt der Erinnerung 1938 bis 1946.
Die Szene „Leichentuch“, aus der großen Fassung, die im letzten Viertel angesiedelt ist, soll die Stimmung verdeutlichen, in der Walter Mehring Wien und damit auch Europa verließ. Sie soll außerdem den Bogen zu den Exilanten z.B. in Paris schlagen, ihr Schicksal benennen und ebenfalls eine Verbindung zwischen Heine und Hauptmann herstellen. Heinrich Heine, der Deutschland den Rücken kehrte, dessen „Denk ich an Deutschland in der Nacht“ auch heute noch immer präsent ist und der von Sigmar, dem Vater Walter Mehrings, sehr verehrt wurde, ist der kritische Geist. Daneben steht Gerhart Hauptmann, der mit „Die Weber“ ein Revolutionsdrama schrieb, das lange nicht aufgeführt werden durfte, und dessen „Bravourleistung … hatte mein Vater stets ein bewunderndes Andenken bewahrt, auch dann noch, als sein Favorit ihn durch sein chauvinistisches Knittelverspuppenspiel „1813“ so entsetzte, daß er das Widmungsexemplar hinter Hauptmanns ‚Gesammelte Werke‘ versenkte.“. Walter Mehring schreibt weiter “ Doch mit den ‚Webern‘ hatte Hauptmann dem Theater der Deutschen das einzig aktuelle Revolutionsstück aus ihrer eigenen Vergangenheit beschert.“ (Die verlorene Bibliothek, S. 97). Gerhart Hauptmann war für Mehring ein Autor, der sich selbst untreu wurde und sich mit den neuen Machthabern arrangierte. Eben der Gegenpart zu Heine.

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