Ein Dialog – und wo ist die Spannung?

Die Ideen zur Umsetzung auf der Bühne kreisten von Beginn an um zwei gegensätzliche Variante: eine große und eine kleine.
Einschränkend muß vermerkt werden: am Anfang, dieser währte fast 12 Monate, gab es nur die große Fassung. Die kleine entstand aus der Not. Welches Theater bietet für die Inszenierung eines Buches, das kaum einer kennt, das ganze Ensemble, mindestens 20 Personen sind nötig, und jede auch nur mögliche Technik, von der Eismaschine, dem künstlichen Schnee über zwei riesige Windmaschinen bis zu Film und Wachsfiguren etc., auf?
Die große Lösung verhieß Theaterspektakel und nochmal Theaterspektakel. Sie entstand beim Lesen zwangsläufig. Es war, wie mit offenen Augen träumen. Ich sah die Bilder greifbar vor mir, die Bühne, die Darsteller, hörte Dialoge, spürte die Stimmungen dort oben, auf der Bühne. Dabei war es kein Suchen nach besonders spektakulären Regieideen, der Roman selbst erzeugte diese Bilder
Walter Mehring spricht von der Eiswüste, die Europa bedeckt und von der Bibliothek, die unter dem Ansturm der marschierenden Unmenschlichkeit zusammenbricht. Ich sah die Bücherregale mit all den Büchern zusammenkrachen, sah, wie die Bücher über die Bühne purzelten und gleichzeitig ein eisiger Sturm losbrach, der alles mit einer weißen Schneeschicht zudeckte und am Rande der Spielfläche patrouillierten SS-Männer, denen Walter Mehring mit seinem kleinen, abgenutzten Koffer nur knapp entkommt?
Gefangen von diesem Bild, träumte ich weiter: Wäre es nicht faszinierend, wenn die Autoren, mit denen Sigmar (der Vater) und Walter argumentieren, plötzlich in der Bibliothek auftauchen und sich in die Diskussion mischen? Walter und Sigmar würden nicht mehr über Balzac und Zola und den industriellen Roman des XIX. Jahrhunderts reden, sondern mit ihnen. Der industrielle Roman selbst würde zum Bild der Schreiberlinge, die wie in einer Fabrik Romane am ›Fließband fertigen.
Das wäre das große, das ›ganz große Kino‘. Doch wahrscheinlich würden die Theater den Aufwand scheuen und nach weniger kostenintensiven Stücken suchen. Um die Chance der Aufführung zu erhalten, braucht »Die verlorene Bibliothek« also eine kleine Fassung, die eher zu realisieren ist. Aus dieser Überlegung heraus entsteht nun auch die Version ‚Dialog zwischen Vater und Sohn‘. Und jene bringt mich zur Eingangsfrage: Wo ist die Spannung? Kann ein Streitgespräch, eine Auseinandersetzung über Bücher und deren Inhalte, über Philosophen und ihre Ideen, über die Bedeutung der Aufklärung für den Faschismus wirklich so spannend sein, daß im Theater die Zuschauer nicht in der Pause nach Hause gehen, sondern nach zwei Stunden applaudieren? Was macht einen Disput über 120 Minuten interessant? Ausgehend von der Tatsache, daß der Zuschauer vorher nicht weiß, worüber geredet wird. Berücksichtigend, daß das Publikum durchschnittlich gebildet ist, was keine Kritik am Publikum ist, sondern die Besonderheit des Romans betrifft. Wer das Buch in der Hand hat, kann nachschlagen, wenn er einen Autoren oder einen Begriff nicht kennt. In der 15. Reihe im Theater wird es schwierig. Da ist der Griff zum Smartphone fatal, denn das Suchen führt zu einer Lücke in der Aufmerksamkeit, und schon geht der Zuschauer in der Pause, weil er den Faden verloren hat. Natürlich ist es die Aufgabe des Autoren diese Momente ›des Nichtverstehens‹ zu vermeiden, den Zuschauer auf die Reise mitzunehmen und ihm nicht das Gefühl zu geben, er sei zu dumm oder ungebildet, um die Geschichte, die auf der Bühne erzählt wird, zu verstehen. Doch Erklärungen sind nicht immer spannend. Und da bin ich schon wieder bei der Frage: Wo sind die Spannungsmomente im Dialog zwischen Vater und Sohn?