Szene „Das Leichentuch“ (großen Fassung)

Der Unterschied zwischen der kleinen und der großen Fassung liegt ja nicht nur in der Auseinandersetzung zwischen Vater und Sohn (Thema für einen späteren Beitrag), sondern eben auch in der Schaffung von Atmosphäre und dem Vermitteln der Umstände, unter denen die Auseinandersetzung mit der Welt des Vaters stattfindet sowie die räumliche und zeitliche Verortung: Wien und das sterbende Europa, und der Zeitpunkt der Erinnerung 1938 bis 1946.
Die Szene „Leichentuch“, aus der großen Fassung, die im letzten Viertel angesiedelt ist, soll die Stimmung verdeutlichen, in der Walter Mehring Wien und damit auch Europa verließ. Sie soll außerdem den Bogen zu den Exilanten z.B. in Paris schlagen, ihr Schicksal benennen und ebenfalls eine Verbindung zwischen Heine und Hauptmann herstellen. Heinrich Heine, der Deutschland den Rücken kehrte, dessen „Denk ich an Deutschland in der Nacht“ auch heute noch immer präsent ist und der von Sigmar, dem Vater Walter Mehrings, sehr verehrt wurde, ist der kritische Geist. Daneben steht Gerhart Hauptmann, der mit „Die Weber“ ein Revolutionsdrama schrieb, das lange nicht aufgeführt werden durfte, und dessen „Bravourleistung … hatte mein Vater stets ein bewunderndes Andenken bewahrt, auch dann noch, als sein Favorit ihn durch sein chauvinistisches Knittelverspuppenspiel „1813“ so entsetzte, daß er das Widmungsexemplar hinter Hauptmanns ‚Gesammelte Werke‘ versenkte.“. Walter Mehring schreibt weiter “ Doch mit den ‚Webern‘ hatte Hauptmann dem Theater der Deutschen das einzig aktuelle Revolutionsstück aus ihrer eigenen Vergangenheit beschert.“ (Die verlorene Bibliothek, S. 97). Gerhart Hauptmann war für Mehring ein Autor, der sich selbst untreu wurde und sich mit den neuen Machthabern arrangierte. Eben der Gegenpart zu Heine.

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Große oder kleine Fassung? Ein Beispiel.

Um die Schwierigkeiten in der theatralischen Umsetzung des Romans, im Zusammenhang mit der Frage „Kleine oder große Fassung“ zu verdeutlichen, ein Blick auf den Anfang des Stücks.
Ausgangspunkt und -überlegung der Anfangsszene der „verlorenen Bibliothek“ sind folgende Aspekte:
* Walter Mehring über das Besondere der Zeit in Wien. Er schreibt „Gewohnt habe ich zum letzten Male wohl in Wien, bevor es stürzte. Denn dort hatte ich noch alle Bücher um mich, aus meines Vaters Bibliothek, und konnte mich zu Hause fühlen.“ (Die verlorene Bibliothek, S. 17)
* Mehrings Gleichsetzung der Bücherkisten mit der Kiste der Pandora: „Ausgeleert, Kiste um Kiste – Pandorabüchse des Nach-Denkers Epimetheus (mit dem trüben Bodensatz des Hoffnung) – spukte ihr Inhalt auf den abgeschrubbten Dielen, dem ungemachten Hotelbett, dem rußigen Fensterbrett in der Lesegruft meines Wiener Voruntersuchungsexils.“ (Die verlorene Bibliothek, S. 189)
* Die Tatsache, daß der Roman auf einer New England Farm in den USA geschrieben wurde und ein Erinnerungsbuch ist.
* Wien muß als Spielort für einen Teil des Stücks etabliert werden.
* Der Zuschauer soll erfahren, daß Walter Mehring auf der Flucht ist
* Eine athmosphärisch dichte Szene schaffen, die Spannung vermittelt und neugierig macht auf das, was kommt.

Diese unterschiedlichen Momente fügten sich bei mir, schon fast automatisch, zur folgenden ersten Szene:

Szene 1: Kein Anfang
OFF: Schreibmaschinengeklapper.
MERIN (STIMME): (off) Gewohnt habe ich zum letzten Male wohl in Wien, bevor es stürzte.
Nacht. Merin schläft in einem abgewetzten Sessel.
MERINS MUTTER: (off) Gestern hatten wir noch spät abends Besuch, der sehr ungehalten war, Dich nicht anzutreffen. Es ging recht ausgelassen zu, so daß wir heute früh uns sehr plagen mußten, um die Scherben und die Möbelfetzen und die Bibliothek Deines Vaters wieder zusammenzuräumen.
Morgendämmerung. Klopfen an der Tür.
WIRT: Herr Merin! Herr Merin, hier saan a poar Kisten für eena. Herr Merin, saans do?
Der Wirt öffnet.
WIRT: Da saan …
Möbelpacker – es sind die vier Seuchen der Kiste der Pandora: Arbeit, Krankheit, Leiden, Tod – bringen Kisten auf die Bühne.
MP 1 (ARBEIT): Wo solln mir die Kisten hinstelln?
MERIN (STIMME): (off) Denn dort hatte ich noch alle Bücher um mich, und konnte mich zu Hause fühlen.
WIRT: Packens in a Ecken.
MP 4 (TOD): Was will das Männchen mit den ganzen Kisten.
MP 3 (LEIDEN): Er ist hungrig.
MP 4 (TOD): Er will Lebensmittel?
MP 2 (KRANKHEIT): Die kann i a gebrauchen, aber …
MP 1 (ARBEIT): Wir ham nicht a den ganzen Tag net Zeit.
MP 3 (LEIDEN): Brot wird net da herinnen sein.
MP 4 (TOD): Was soll sich so einer sonst schicken lassen.
MERIN (STIMME): (off) Wie oft seitdem das Landschaftsbild im Fensterrahmen gewechselt hat – und ein paar Mal war es vergittert -, vermag ich mir nicht mehr zu vergegenwärtigen.
MP 4 (TOD): 30 Kisten Lebensmittel?
MP 2 (KRANKHEIT): Hast oane bessere Erklärung?
MP 4 (TOD): Aber …
MP 3 (LEIDEN): Die tschechoslowakische Gesandtschaft in Berlin wird kaum Würste und Brot schicken.
MP 1 (ARBEIT): Was weißt du denn von den Gesandten? Bücher werdens wohl nicht sein.
Merin wacht auf.
MP 4 (TOD): Für Steine sind die Kisten nicht schwer genug.
MP 3 (KRANKHEIT): Das war die letzte, der Herr.
Möbelpacker ab. Der Wirt schließt ab. Aus dem Dunkel der Bühne schälen sich hohe Bücherregale. Sie sind zum Teil mit Büchern bestückt.
SIGMAR: (off) All die Bücher werden Dir einmal gehören, wenn ich tot bin.
Merin beginnt die Kisten zu entpacken. Er legt die Schulbücher und Märchen, die zuoberst lagen, beiseite.
MERIN: Unverfänglich die Geschichten der Feen und Riesen, die sprechenden Alltagsgegenstände Andersens und die Sammlungen der Grimms. Am deutschen Märchen soll die Welt genesen. Wenn die wüßten, aus welchen finsteren Ecken ihre erbaulichen Geschichten entkrochen sind. So erretten die Ausgeburten der Hölle die Literatur vor den Flammen des Infornos.
Merin entnimmt der Kiste einige Bibeln.
MERIN: Die Bibeln, hebräisch, griechisch und in klobiger Schnörkelschrift standen im Mittelschrank.
Merin räumt die Bibeln aus dem Karton ins Regal.
MERIN: Mühselig, das Landschaftsbild der Bibliothek aus Erinnerungstrümmern meiner Kindertage zu rekonstruieren. Wo waren die verschrobenen Giebel der Gruselmärchen? Wo die aufragenden Massive der Weltweisheit? Es gab Gletscher toter Sprachen und den ewigen Schnee frostiger Wahrheiten, doch wo?

In der kleinen Fassung werde ich keine Möbelpacker, keinen Wirt zur Verfügung haben. Die Kompensation der fehlenden Darsteller durch mehr Technik macht keinen Sinn, denn dann wäre das Stück nicht mit wenig Aufwand auf die Bühne zu bringen. Die Stimmen aus dem Off können bleiben, eine Toneinspielung ist in der Regel unproblematisch. Dennoch ergibt sich die Aufgabe, einen Teil der Ausgangspunkte und -überlegungen in den Dialog zu integrieren. Aber das ist die Arbeit für die nächsten Tage.

Ein Dialog – und wo ist die Spannung?

Die Ideen zur Umsetzung auf der Bühne kreisten von Beginn an um zwei gegensätzliche Variante: eine große und eine kleine.
Einschränkend muß vermerkt werden: am Anfang, dieser währte fast 12 Monate, gab es nur die große Fassung. Die kleine entstand aus der Not. Welches Theater bietet für die Inszenierung eines Buches, das kaum einer kennt, das ganze Ensemble, mindestens 20 Personen sind nötig, und jede auch nur mögliche Technik, von der Eismaschine, dem künstlichen Schnee über zwei riesige Windmaschinen bis zu Film und Wachsfiguren etc., auf?
Die große Lösung verhieß Theaterspektakel und nochmal Theaterspektakel. Sie entstand beim Lesen zwangsläufig. Es war, wie mit offenen Augen träumen. Ich sah die Bilder greifbar vor mir, die Bühne, die Darsteller, hörte Dialoge, spürte die Stimmungen dort oben, auf der Bühne. Dabei war es kein Suchen nach besonders spektakulären Regieideen, der Roman selbst erzeugte diese Bilder
Walter Mehring spricht von der Eiswüste, die Europa bedeckt und von der Bibliothek, die unter dem Ansturm der marschierenden Unmenschlichkeit zusammenbricht. Ich sah die Bücherregale mit all den Büchern zusammenkrachen, sah, wie die Bücher über die Bühne purzelten und gleichzeitig ein eisiger Sturm losbrach, der alles mit einer weißen Schneeschicht zudeckte und am Rande der Spielfläche patrouillierten SS-Männer, denen Walter Mehring mit seinem kleinen, abgenutzten Koffer nur knapp entkommt?
Gefangen von diesem Bild, träumte ich weiter: Wäre es nicht faszinierend, wenn die Autoren, mit denen Sigmar (der Vater) und Walter argumentieren, plötzlich in der Bibliothek auftauchen und sich in die Diskussion mischen? Walter und Sigmar würden nicht mehr über Balzac und Zola und den industriellen Roman des XIX. Jahrhunderts reden, sondern mit ihnen. Der industrielle Roman selbst würde zum Bild der Schreiberlinge, die wie in einer Fabrik Romane am ›Fließband fertigen.
Das wäre das große, das ›ganz große Kino‘. Doch wahrscheinlich würden die Theater den Aufwand scheuen und nach weniger kostenintensiven Stücken suchen. Um die Chance der Aufführung zu erhalten, braucht »Die verlorene Bibliothek« also eine kleine Fassung, die eher zu realisieren ist. Aus dieser Überlegung heraus entsteht nun auch die Version ‚Dialog zwischen Vater und Sohn‘. Und jene bringt mich zur Eingangsfrage: Wo ist die Spannung? Kann ein Streitgespräch, eine Auseinandersetzung über Bücher und deren Inhalte, über Philosophen und ihre Ideen, über die Bedeutung der Aufklärung für den Faschismus wirklich so spannend sein, daß im Theater die Zuschauer nicht in der Pause nach Hause gehen, sondern nach zwei Stunden applaudieren? Was macht einen Disput über 120 Minuten interessant? Ausgehend von der Tatsache, daß der Zuschauer vorher nicht weiß, worüber geredet wird. Berücksichtigend, daß das Publikum durchschnittlich gebildet ist, was keine Kritik am Publikum ist, sondern die Besonderheit des Romans betrifft. Wer das Buch in der Hand hat, kann nachschlagen, wenn er einen Autoren oder einen Begriff nicht kennt. In der 15. Reihe im Theater wird es schwierig. Da ist der Griff zum Smartphone fatal, denn das Suchen führt zu einer Lücke in der Aufmerksamkeit, und schon geht der Zuschauer in der Pause, weil er den Faden verloren hat. Natürlich ist es die Aufgabe des Autoren diese Momente ›des Nichtverstehens‹ zu vermeiden, den Zuschauer auf die Reise mitzunehmen und ihm nicht das Gefühl zu geben, er sei zu dumm oder ungebildet, um die Geschichte, die auf der Bühne erzählt wird, zu verstehen. Doch Erklärungen sind nicht immer spannend. Und da bin ich schon wieder bei der Frage: Wo sind die Spannungsmomente im Dialog zwischen Vater und Sohn?