„Die verlorene Bibliothek“ im Blick

Eine sehr schöne und treffende Beschreibung des Romans „Die verlorenen Bibliothek“ und Walter Mehrings hat Hans Baumgartner im Newsletter „Lesezeichen“ III/2013 des Elster Verlages anläßlich der Neuausgabe des Romans verfaßt.

Walter Mehring: Die verlorene Bibliothek
Aus der Zeit gefallen
Achtzig Jahre nach den nationalsozialistischen Bücherverbrennungen wird «Die verlorene Bibliothek» von Walter Mehring (1896-1981) neu aufgelegt – es ist die intellektuelle Antwort auf die große Barbarei.

Von Tag zu Tag saß er im Pfauen und bestellte sein Einerli Weißen, so wie Heiri Gretler am runden Tisch in der Ecke seinen Roten, aber meist allein, und immer mit Notizheft, am Schreiben. Seit seiner Rückkehr aus den Staaten lebte er wieder in den kleinen Hotels, ab den 70iger-Jahren meist in Zürich, im Florhof, Urban, Opera, manchmal in Ascona, nur selten in Deutschland, wo ihm in München sein 800 Seiten Manuskript «Die verbrannten Dichter», vielleicht sein Lebenswerk, abhanden kam. In Zürich traf nur ein fremder schwarzer Koffer ein.

Immer hatte er gerade noch flüchten können, nicht ohne List aus drei Lagern, und in Berlin gewarnt nur wenige Tage vor dem Reichtagsbrand (1933), in Wien nach dem Anschluss (1938) mit dem Zug über die Schweiz nach Paris, in Marseille Dank Varian Fry mit dem letzten Schiff, der Wyoming, nach Martinique (1941). Bei Metro Goldwin Mayer hatte er wie andere Emigranten einen einjährigen Scheinvertrag, nur schreiben sollte er nicht. Und er fand dort auch kein Publikum, so wie Heinrich Mann. ….“
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Interview mit Walter Mehring zu seinem Buch „Die verlorene Bibliothek“

1955 führte Hans Henjres für Radio Bremen ein Interview mit Walter Mehring zu seiner „verlorenen Bibliothek“. Unter dem Titel „Das Unbestechliche des Gefühls – ein Interview mit Walter Mehring“ ist es glücklicherweise im Archiv des Senders online abrufbar. Es dauert leider nur 10:01 Minuten, aber es sind spannende, aufregende Minuten.

Für Hans Henjres ist „Die verlorene Bibliothek“, zuerst 1951 in New York auf Englisch erschienen, „das interessanteste Dokument der vergangenen beiden oder drei Jahrzehnte. Es ist der Versuch etwas Verlorenes dadurch wiederzugewinnen, daß man es im Geiste beschwört und bezeichnet, also in der Bedeutung des Wortes tatsächlich ‚ein Zauber, ein Wunder, eine Beschwörung‘.“

Auf die Frage „Warum mußten Sie es schreiben?“ antwortete Walter Mehring: „Ich habe einen Verlust gehabt. Der Verlust war der Verlust meines Vaters, der Verlust einer Bibliothek, die von meinem Urgroßvater, Großvater, meinem Vater zunächst zusammengestellt war. Es war der Verlust meiner Erbschaft. Was kann ich aus einem Verlust positiv machen, was kann ich daraus machen, daß ich sage, es ich nicht mehr vorhanden, ich habe es verloren. Statt das negativ auszudrücken, wollte ich es postiv ausdrücken. Nun also hast du nicht mehr die Bücher, wenn du aber die Bücher begriffen hast, dann müssen sie in dir sein, und du mußt sie ja verarbeitet haben. Also, mach aus dem Verlust einen Gewinn.“

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Ein Anfang?

Seit nunmehr fast einem Jahr arbeite ich an der Dramatisierung des Romans „Die verlorene Bibliothek“ von Walter Mehring. Nach endlos erscheinenden Vorarbeiten, wie Lesen und hunderte kleine Karteikarten mit Notizen zu füllen, stellt sich nun plötzlich die Frage: Warum?
Sie hat sich auch vor Beginn des Vorhabens gestellt, ich werde eine Antwort gefunden gehabt haben, allein plötzlich will sie erneut beantwortet werden. Warum dramatisiere ich „Die verlorene Bibliothek“.
Warum will ich einen Roman auf die Bühne bringen, der leider kaum gelesen wird und sich vordergründig nur mit Literatur beschäftigt? Der Roman ist großartig und Walter Mehrings bestes Buch, aber reicht das? Warum noch ein Buch ins Theater? Warum nicht stattdessen ein Stück, das für die Bühne konzipiert und geschrieben? Warum stellt sich diese Frage nach einem Jahr Vorarbeit?
Der Roman fasziniert mich, seit ich ihn das erste Mal in der Hand hielt und ihn nach dem ersten Lesen zuklappte und wieder ins Regal stellte. Was für ein Buch. Die Auseinandersetzung mit der ‚Erfolglosigkeit‘ der europäischen Kultur- und Geistesgeschichte hinsichtlich des Erstarken des Faschismus und seiner furchtbaren Folgen war, nein, ist ein Parforce Ritt durch die Literatur. Jede Seite erzeugte neue Lesewünsche, jede Seite führte zu Diskussionen über das Beschriebene.
Nachdem ich Walter Mehrings „Müller. Chronik einer Sippe“ zum Theaterstück gemacht hatte, die Geschichte der obrigkeitsliebenden Deutschen seit Anbeginn aller Stammbäume (zumindest der deutschen Müllers) ist wie für die Bühne gemacht und vielleicht findet jener Roman Mehrings so die Leser, die er verdient und bisher als Buch nicht gefunden hat, zog es mich magisch zur „Verlorenen Bibliothek“. Mehr lesen