„Die verlorene Bibliothek“ – ein aktuelles Buch?

Immer wieder gibt es Sätze in Mehrings „verlorener Bibliothek“, die, wie ein Stein im Bach, den Lesefluß bremsen, einen stocken lassen und bewegen innezuhalten. Sätze, die ob ihrer Formulierung oder ihrer Aussage ein zweites, drittes Lesen erfordern. Sätze, die in ihrer Schärfe weh tun und das Denken herausfordern. Sätze, die über den Zeitpunkt des Schreibens und Erscheinens von bedrückender Aktualität sind.
Zu diesen gehört: „Die Schwurformel, die ich aus dem Schlafe konnte, lautete: Bildung! – das »Sesam, öffne Dich!« zu der Schatzhöhle, wo der Stein der Weisen oder die »Leuchtende Materie«, das kosmische Strahlendiadem der Trinität, das pure Mehrwertsgold des Sozialismus sich befand und Macht über alle Naturkräfte und Gewalt über alle Menschennatur verlieh; und die Aladin-Wunderlampe der Wissenschaft, die ich nur blankzuputzen brauchte, und der Geist eines Buches würde mir mit Rat und Trost zur Seite stehen.
Doch im Todesjahr meines Vaters waren die Geister alle mobilisiert; …
Zur Bibliothek kehrte ich nicht mehr zurück …“(Die verlorene Bibliothek, S. 194 f.)
Bildung. Wissen. Die Kraft der Erkenntnis. Der Glaube an die Lernfähigkeit des Menschen, an die Vernunft im Sinne der Aufklärung. Und am Ende: der Autor entsagt der Bibliothek, dem Hort von Wissen und Erkenntnis. Ernüchtert stellt er fest, daß entgegen des Versprechens der humanistischen Bildung das große Schlachten des I. Weltkrieges stattgefunden hat. Die Soldaten zogen mit Büchern im Tornister in den Krieg, und in den Buchhandlungen trugen die Klassiker Bauchbinden mit der Aufschrift »Schickt Bücher an die Front«.
Als würde der Krieg dadurch menschlicher werden, mit Literatur im Schützengraben. Oder war es der Versuch die Klassiker, als Kennzeichen der ‚geistigen Überlegenheit‘ – Deutschland, das Land der Dichter und Denker – den Soldaten an der Front als zusätzliche moralische Stärkung an die Hand zu geben. Getreu dem Motto „Für diese Geistesgrößen laßt ihr euer Leben!“. Goethe und Schiller als Rechtfertigung für Gastod und Verrecken im Stacheldrahtverhau. Schon da der Hinweis auf die geistige Größe, nein, die Überlegenheit Deutschlands. Die Mitschüler Walter Mehrings hatten ihre Klassiker gelesen, und wurden ‚von den zu Instruktionsfeldwebeln avancierten Professoren als akademisches Kanonenfutter bei der obersten Heeresleitung abgeliefert‘ (Mehring, Verlorene Bibliothek, 195). Im „Müller“ beschreibt er diese Situation ebenfalls sehr anschaulich.
Aus den Zeilen über die Vergeblichkeit der Bildung in der Mobilisierung für den Weltkrieg und der abschließenden Formulierung „Zur Bibliothek kehrte ich nicht mehr zurück …“ spricht tiefe Enttäuschung. Fast schon Verzweiflung über die Nutzlosigkeit von Wissen Mehr lesen

Interview mit Walter Mehring zu seinem Buch „Die verlorene Bibliothek“

1955 führte Hans Henjres für Radio Bremen ein Interview mit Walter Mehring zu seiner „verlorenen Bibliothek“. Unter dem Titel „Das Unbestechliche des Gefühls – ein Interview mit Walter Mehring“ ist es glücklicherweise im Archiv des Senders online abrufbar. Es dauert leider nur 10:01 Minuten, aber es sind spannende, aufregende Minuten.

Für Hans Henjres ist „Die verlorene Bibliothek“, zuerst 1951 in New York auf Englisch erschienen, „das interessanteste Dokument der vergangenen beiden oder drei Jahrzehnte. Es ist der Versuch etwas Verlorenes dadurch wiederzugewinnen, daß man es im Geiste beschwört und bezeichnet, also in der Bedeutung des Wortes tatsächlich ‚ein Zauber, ein Wunder, eine Beschwörung‘.“

Auf die Frage „Warum mußten Sie es schreiben?“ antwortete Walter Mehring: „Ich habe einen Verlust gehabt. Der Verlust war der Verlust meines Vaters, der Verlust einer Bibliothek, die von meinem Urgroßvater, Großvater, meinem Vater zunächst zusammengestellt war. Es war der Verlust meiner Erbschaft. Was kann ich aus einem Verlust positiv machen, was kann ich daraus machen, daß ich sage, es ich nicht mehr vorhanden, ich habe es verloren. Statt das negativ auszudrücken, wollte ich es postiv ausdrücken. Nun also hast du nicht mehr die Bücher, wenn du aber die Bücher begriffen hast, dann müssen sie in dir sein, und du mußt sie ja verarbeitet haben. Also, mach aus dem Verlust einen Gewinn.“

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Ein Anfang?

Seit nunmehr fast einem Jahr arbeite ich an der Dramatisierung des Romans „Die verlorene Bibliothek“ von Walter Mehring. Nach endlos erscheinenden Vorarbeiten, wie Lesen und hunderte kleine Karteikarten mit Notizen zu füllen, stellt sich nun plötzlich die Frage: Warum?
Sie hat sich auch vor Beginn des Vorhabens gestellt, ich werde eine Antwort gefunden gehabt haben, allein plötzlich will sie erneut beantwortet werden. Warum dramatisiere ich „Die verlorene Bibliothek“.
Warum will ich einen Roman auf die Bühne bringen, der leider kaum gelesen wird und sich vordergründig nur mit Literatur beschäftigt? Der Roman ist großartig und Walter Mehrings bestes Buch, aber reicht das? Warum noch ein Buch ins Theater? Warum nicht stattdessen ein Stück, das für die Bühne konzipiert und geschrieben? Warum stellt sich diese Frage nach einem Jahr Vorarbeit?
Der Roman fasziniert mich, seit ich ihn das erste Mal in der Hand hielt und ihn nach dem ersten Lesen zuklappte und wieder ins Regal stellte. Was für ein Buch. Die Auseinandersetzung mit der ‚Erfolglosigkeit‘ der europäischen Kultur- und Geistesgeschichte hinsichtlich des Erstarken des Faschismus und seiner furchtbaren Folgen war, nein, ist ein Parforce Ritt durch die Literatur. Jede Seite erzeugte neue Lesewünsche, jede Seite führte zu Diskussionen über das Beschriebene.
Nachdem ich Walter Mehrings „Müller. Chronik einer Sippe“ zum Theaterstück gemacht hatte, die Geschichte der obrigkeitsliebenden Deutschen seit Anbeginn aller Stammbäume (zumindest der deutschen Müllers) ist wie für die Bühne gemacht und vielleicht findet jener Roman Mehrings so die Leser, die er verdient und bisher als Buch nicht gefunden hat, zog es mich magisch zur „Verlorenen Bibliothek“. Mehr lesen