Wie heißen sie?

Immer stellt sich beim Schreiben die Frage nach den Namen der Akteure. Manchmal taucht diese Frage spät auf, meistens steht bei Beginn im Raum. Die Namenswahl ist immer ein wichtiger Moment, schließlich sollen die handelnden Figuren nicht irgendwie heißen, sondern der Name soll etwas ausdrücken, einen Teil der Persönlichkeit transportieren. Diese Namenswahl ist ob im Roman, einer Erzählung oder einem Theaterstück stets die Gelegenheit über die zu benennenden Figuren nachzudenken. Denn hat man den ‚richtigen‘ Namen gefunden, ergeben sich Handlungen oder Dialoge manchmal wie von selbst.
Bei der Dramatisierung eines Romans stellt sich diese Frage eigentlich nicht, der Autor hat sie längst beantwortet. Daß ich bei der Arbeit an „Die verlorene Bibliothek“, dennoch bei der Namensgebung stockte, mag im ersten Moment überraschen, hat aber durchaus seine Gründe.
Der Roman ist die Autobiographie einer Kultur. Und es ist ein Buch mit autobiographischen Zügen des Autoren. Walter Mehring spricht von sich und seinem Vater. So, wie er von toten und lebenden Autoren schreibt,

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Der industrielle Roman oder Die Schreibmaschinen

„Und die Mode-Romanautoren führten Buch, doppelte Buchhaltung wie die königlichen Kaufleute, über die Beziehungen und die Geldheiraten, die sich in den Antichambres der Politik und Kuppelei, in den Garderoben der Opern-Ballettratten anknüpften; sie berechneten auf Heller und Pfennig, wie sich ihre Charaktere Equipagen, Maitressen und ein privates Gefühlsleben bezahlen konnten. Sie unterhielten Großbetriebe – bis zu einem Rekordertrag von 257 Bänden plus zwanzig verbretterten Romanen,den Alexandre Dumas pére erzielte.
Sie beschäftigten eine Belegschaft von Tintenkulis, »Nègres« und »Ghostwriters«, um laufend die Tagespresse mit Fortsetzungsromanen zu versorgen.“ (Mehring, Verlorene Bibliothek, S. 52)

Die Beschreibungen Mehrings zum industriellen Roman ließen augenblicklich eine lange, karge Fabrikhalle, in der klassischen Backsteinbauweise des 19. Jahrhunderts vor meinen Augen entstehen. In vier Reihen saßen die Schreiberlinge an kleinen Tischen hintereinander und hämmerten im Takt die neuesten Enthüllungen über die Pariser High Society in ihre Schreibmaschinen. Durch die Reihen schritt Balzac und diktierte simultan den Fortgang und die Ereignisse der unterschiedlichen Geschichten. Im fahlen gelben Licht, mit krummen Rücken hockten die ausgemergelten Gestalten. Die Akustik der Fabrikhalle verhallte leicht das Schlagen der Lettern auf dem Papier und die Schritte der diktierenden Schriftsteller, andere waren aus der Ferne der Halle in den Vordergrund marschiert, waren wie die Schläge des Trommlers auf der Galeere. Weiter, weiter, immer weiter.
Meine Neugier für das Optische trieb mich ins Internet und nach wenigen Minuten zerplatzte mein schönes Bild mit einem lauten Knall. Warum wurde die Schreibmaschine erst ab 1876 industriell in Serie gebaut. Erfunden wurde sie schon 1808 und stetig verbessert, aber die erste, auch in größeren Stückzahlen gefertige Schreibmaschine war die Schreibkugel des dänischen Pastors Rasmus Malling-Hansen im Jahr 1865. Mit dieser Schreibmaschine experimentierte auch Friedrich Nietzsche, aber ein flüssiges Schreiben, wie wir es aus dem 20. Jahrhundert kennen, war mit ihr wohl eher nicht möglich.

Skrivekugle Malling Hansen: Schreibkugel (Skrivekugle)1865
[„Skrivekugle“. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Skrivekugle.jpg#/media/File:Skrivekugle.jpg]

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