Wie heißen sie?

Immer stellt sich beim Schreiben die Frage nach den Namen der Akteure. Manchmal taucht diese Frage spät auf, meistens steht bei Beginn im Raum. Die Namenswahl ist immer ein wichtiger Moment, schließlich sollen die handelnden Figuren nicht irgendwie heißen, sondern der Name soll etwas ausdrücken, einen Teil der Persönlichkeit transportieren. Diese Namenswahl ist ob im Roman, einer Erzählung oder einem Theaterstück stets die Gelegenheit über die zu benennenden Figuren nachzudenken. Denn hat man den ‚richtigen‘ Namen gefunden, ergeben sich Handlungen oder Dialoge manchmal wie von selbst.
Bei der Dramatisierung eines Romans stellt sich diese Frage eigentlich nicht, der Autor hat sie längst beantwortet. Daß ich bei der Arbeit an „Die verlorene Bibliothek“, dennoch bei der Namensgebung stockte, mag im ersten Moment überraschen, hat aber durchaus seine Gründe.
Der Roman ist die Autobiographie einer Kultur. Und es ist ein Buch mit autobiographischen Zügen des Autoren. Walter Mehring spricht von sich und seinem Vater. So, wie er von toten und lebenden Autoren schreibt,

allesamt historische Persönlichkeiten. Die Namensgebung ist eindeutig.
Aber: was im Roman die Imaginationskraft des Lesers einfordert, oder die sorgfältige Recherche – „Wie sah den Zola eigentlich aus?“ – wird auf der Bühne seltsam konkret. Dort tritt Zola auf, dort agieren Walter und Sigmar Mehring. Sie sind nicht mehr ein Bild in einem Lexikon, eine Person in einer Photographie. Nein, sie stehen in Fleisch und Blut auf den Brettern der Welt.
Natürlich sind es Schauspieler, daß weiß jeder im Publikum, aber diese Schauspieler spielen und zeigen Walter und Sigmar, während wir zuschauen. Sie heißen somit nicht nur Walter und Sigmar, Sohn und Vater, sie wären es und hieße das nicht, daß sie Gesicht und Geste, Bewegung und Sprachduktus nachahmen müßten, denn sonst wären es nicht Walter und Sigmar?
Aber erwartet man im Theater die Abbilder historischer Persönlichkeiten, ist doch Theater wissentliches Erzeugen von Pseudorealität bezogen auf die darstellte historische Wirklichkeit? Wenn in einem Stück Edith Piaf auftaucht, weiß jeder, daß sie längst tot ist, und dennoch freut sich der Kritiker, sind die Zuschauer begeistert, wenn die Ähnlichkeit nicht nur ein Hauch bleibt, sondern die optische Erscheinung sich mit der Erinnerung deckt. Aber die Piaf ist eine Ikone, jeder kennt sie (fast jeder: eine Redakteurin bei einem Privatsender, die eine Sendung – schon ein paar Jahre her – machen sollte, in der eine Piafinterpretin auftreten sollte, kannte sie nicht), also fast jeder kennt sie und bringt die Darstellerin auf der Bühne und das erinnerte Bild zusammen. Wenn es stimmt, und die Stimme trägt, wird es ein großartiger Abend.
Aber was nun, wenn die Personen auf der Bühne unbekannt sind? Oder nur wenige Details überliefert? Wenn es keine Ikonen sind?
Wäre es dann nicht besser ihnen andere Namen zu geben? Immerhin geht zwar um eine persönliche Bibliothek, sie ist aber doch im brechtschen Sinne das Besondere im Allgemeinen, die mittels des Besonderen das Allgemeine verdeutlichen soll. Damit wäre es egal, wessen Bibliothek es ist. Es könnte somit in der theatralischen Fassung auch ‚irgendeine‘ Bibliothek sein. Schließlich spricht Walter Mehring in seinem Exposé, welches er an seine lebenslange Freundin Hertha Pauli sandte, selbst von ‚der Bibliothek des gebildeten Europäers‘.
Jedoch ist der Roman mehr als nur ‚Glanz und Elend der Bibliothek des – besagten – Europäers‘. Er ist auch die Biographie seines Autoren. Womit sich der Kreis zur Frage des Namens schließt. Wenn es in „Die verlorene Bibliothek“ auch um Walter Mehring und der Büchersammlung seines Vaters Sigmar geht, und darüberhinaus um die Auseinandersetzung von Vater und Sohn, dann müssen die Akteure auf der Bühne auch ihre Namen tragen. Zwangsläufig. Eindeutig.
Womit auch meine halbherzige Lösung von ‚Vater‘ und ‚Merin‘ als Namen nicht mehr in Frage kommt. So werden sie nun Sigmar und Walter heißen und für mich wird eine andere, eine größere Nähe zu beiden entstehen. Entstehen müssen. Es sind keine Kunstgeschöpfe, sondern Menschen. Und die Schauspieler werden schon einen Weg finden, die beiden glaubhaft auf die Bühne zu bringen.